Wenn Erholung sich nicht wie Erholung anfühlt: Das Inbetween

Nicht produktiv genug zum Arbeiten, nicht entspannt genug zum Erholen? Warum dieses Inbetween kein Versagen ist – und was Erholung mit Rollen, Erwartungen und deinem Alltag zu tun hat.

Kathinka Kobale

9/26/20265 min read

Letzte Woche habe ich kaum geschlafen. Nacht für Nacht nur ein paar Stunden und das über Tage. Irgendwann war klar: Heute geht nicht mehr als das Nötigste. Ich setze mich hin. Chille. Erhole mich.
Dachte ich zumindest.
Denn dann saß ich da und konnte weder wirklich entspannen noch irgendetwas von meiner To-do-Liste abarbeiten. Einfach so ein Inbetween. Nicht erholt. Nicht produktiv. Irgendwo dazwischen.
Ich kenne dieses Gefühl. Und ich höre es auch immer wieder von Frauen mit denen ich arbeite.

Für wen ist dieser Artikel?
Für alle die schon einmal in diesem Niemandsland saßen. Die wissen dass sie eine Pause brauchen aber in der Pause nicht abschalten können. Die auf dem Sofa liegen und trotzdem das Gefühl haben eigentlich etwas tun zu müssen. Und die sich vielleicht sogar heimlich fragen: Bin ich einfach nicht gut genug im Entspannen?

Warum Erholung sich manchmal nicht wie Erholung anfühlt
Es gibt Tage an denen der Körper auf Pause schaltet aber der Kopf nicht sofort mitkommt. Du liegst auf dem Sofa und denkst an alles was liegen bleibt. Du gehst spazieren und planst dabei schon die nächste Woche. Du schaust eine Serie und merkst irgendwann dass du eigentlich gar nicht richtig zuschaust.
Nach längeren Phasen von Stress oder schlicht zu wenig Schlaf kann es schwerfallen von Anspannung direkt in Erholung umzuschalten. Äußere Ruhe bedeutet nicht automatisch innere Ruhe.
Und manchmal kommt noch etwas dazu. Du ruhst dich zwar aus aber gleichzeitig beobachtest und bewertest du dich dabei. Ich müsste doch langsam entspannter sein. Eigentlich könnte ich wenigstens noch die Mails beantworten. Jetzt habe ich schon nichts geschafft und erholt bin ich auch nicht.
Plötzlich wird sogar Erholung zu etwas das man richtig oder falsch machen kann.

Das Problem mit dem Entweder-oder
Viele von uns denken Erholung und Leistung in zwei klaren Kategorien. Entweder produktiv oder erholt. Arbeiten oder Urlaub. Leisten oder Pause.
Aber das Leben spielt sich nicht immer in diesen klaren Kategorien ab. Es gibt Wochen die einfach nicht rund laufen. Tage an denen du nicht krank genug bist um nur im Bett zu liegen aber auch nicht fit genug um wirklich zu funktionieren.
Und genau in diesem Inbetween wird eine bestimmte Stimme besonders laut. Du solltest doch jetzt wenigstens die Mails beantworten. Du liegst hier herum während andere etwas schaffen. Ist das wirklich Erholung oder bist du einfach faul?

Was mich daran beschäftigt ist nicht nur dass diese Gedanken auftauchen. Sondern woher wir sie eigentlich kennen. Vielleicht haben wir irgendwann gelernt dass Leistung Anerkennung bringt. Dass erst alles erledigt sein muss bevor wir uns ausruhen dürfen. Solche Überzeugungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie entwickeln sich in Familien, Beziehungen, Arbeitswelten. Und irgendwann fühlen sie sich nicht mehr wie etwas Gelerntes an. Sondern wie die Wahrheit.

Was systemisch dahintersteckt
Als systemische Beraterin also jemand die schaut wie Rollen, Beziehungen und Strukturen zusammenwirken würde ich nicht nur fragen: Warum kannst du nicht entspannen? Sondern auch: Unter welchen Bedingungen versuchst du eigentlich gerade zur Ruhe zu kommen?
Denn stell dir vor. Du sitzt auf dem Sofa. Aber neben dir liegt die Wäsche. Auf dem Handy kommen Nachrichten rein. Die Aufgaben die du heute nicht erledigst warten morgen trotzdem auf dich. Vielleicht bist du in deiner Familie diejenige die organisiert. Im Beruf diejenige auf die man sich verlässt.
Dann ist Erholung nicht nur eine Frage davon ob du dich gut genug entspannen kannst. Wir erholen uns nicht im luftleeren Raum. Wir erholen uns innerhalb unserer Beziehungen, unserer Rollen, der Erwartungen die an uns gestellt werden und die wir an uns selbst stellen.
Deshalb lohnt es sich manchmal nicht nur nach innen zu schauen. Sondern auch zu fragen: Gibt es in meinem Alltag überhaupt Räume in denen gerade niemand etwas von mir erwartet? Was passiert in meinem Umfeld wenn ich weniger übernehme? Werden Aufgaben tatsächlich abgegeben oder nur verschoben?
Erholung ist nicht nur eine Fähigkeit des Einzelnen. Sie wird durch unsere Lebensbedingungen erleichtert oder erschwert. Und deshalb ist die Antwort auf Erschöpfung nicht immer: Ich muss lernen besser zu entspannen. Manchmal lautet die wichtigere Frage: Was müsste sich um mich herum verändern damit ich überhaupt wirklich zur Ruhe kommen kann?

Wenn Ruhe sich wie Versagen anfühlt
Und trotzdem gibt es natürlich auch die innere Ebene. Vielleicht ist äußerlich gerade wirklich Ruhe, niemand braucht etwas von dir, nichts ist akut. Und trotzdem merkst du: Ich kann es nicht genießen.
Dann lohnt sich ein neugieriger Blick auf die Geschichte hinter diesem Gefühl. Vielleicht warst du früh die Vernünftige, die Starke, die Zuverlässige. Vielleicht hast du erlebt dass dein Wert besonders sichtbar wurde wenn du geleistet oder Verantwortung übernommen hast. Das bedeutet nicht dass dir jemand gesagt hat du seist ohne Leistung wertlos, so einfach sind Menschen und Beziehungen selten. Aber es kann bedeuten dass sich bestimmte Verknüpfungen entwickelt haben. Leistung fühlt sich sicher an. Gebraucht werden fühlt sich vertraut an. Nichts tun dagegen ungewohnt.
Und wenn solche Muster lange Teil unseres Lebens waren verschwinden sie nicht automatisch, auch wenn wir rational längst wissen: Natürlich darf ich mich ausruhen.

Was hilft und was nicht
Was häufig nicht hilft ist aus Erholung die nächste Leistungsaufgabe zu machen. Noch eine perfekte Morgenroutine. Noch eine Meditation die du unbedingt schaffen musst. Noch ein Punkt auf der To-do-Liste mit dem Namen Entspannen. Denn dann bleibt das Grundprinzip dasselbe. Du versuchst wieder etwas besonders gut zu machen. Nur diesmal das Nichtstun.
Was stattdessen helfen kann ist viel unspektakulärer. Bemerken was gerade passiert. Nicht sofort bewerten. Nicht optimieren. Nur sehen. Ich habe in dieser Woche irgendwann aufgehört mir vorzuwerfen dass ich weder richtig arbeite noch richtig entspanne. Ich war einfach irgendwo dazwischen. Und in dem Moment in dem ich aufgehört habe auch diesen Zustand noch verbessern zu wollen wurde es ein kleines bisschen leichter. Nicht perfekt. Aber leichter. Vielleicht dürfen wir manchmal einfach anerkennen: Heute ist kein produktiver Tag. Heute ist aber vielleicht auch kein Wellness-Tag. Heute ist einfach ein Dazwischen-Tag. Und auch der darf existieren. Manchmal ist das Inbetween nicht das Problem. Manchmal ist es genau das was dieser Moment braucht.

Fragen an dich

  • Was erzählst du dir über dich selbst an Tagen an denen du nicht produktiv bist?

  • Woran merkst du dass du wirklich erholt bist und nicht nur aufgehört hast zu arbeiten?

  • Was müsste sich in deinem Alltag oder deinem Umfeld verändern damit Erholung wirklich möglich wird?

Wenn dich das Thema weiterbeschäftigt
Danke dass du bis hier gelesen hast, besonders wenn du gerade selbst in so einer Woche steckst.

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Wenn du dich häufiger erschöpft fühlst obwohl du das Gefühl hast bereits alles zu geben lies gerne hier weiter.

Und wenn dich interessiert welche Rolle Körper und Psyche bei anhaltender Belastung spielen können findest du hier meinen Artikel zum Thema Psychosomatik.

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